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«Übersicht über Armut im ganzen Land dringend notwendig»

Mehr als eine Million Menschen sind in der Schweiz armutsgefährdet oder arm. Corona verschärft dies stark. Nur 12 Kantone führen jedoch einen Armutsbericht. Caritas und die Berner Fachhochschule legen nun ein eigenes Konzept für ein kantonales Armutsmonitoring vor.

Kategorie

Text, Journalismus

Kunde

Nonprofit

Jahr

2021

660’000 Menschen lebten 2018 gemäss dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz in Armut. Weitere 500’000 Menschen befinden sich nur knapp über Armutsgrenze, sie sind armutsgefährdet. Aufgrund der düsteren Konjunkturprognosen ist mit einer weiteren Verschärfung der Armutssituation zu rechnen, betonte die Caritas kürzlich. Optimistisch stimme, wie solidarisch sich die Bevölkerung in dieser Krise durch Spenden zeige.

Armut grenzt die gesellschaftliche Teilhabe ein, so die Caritas. Das habe nicht nur mit Geldmangel zu tun, sondern auch damit, dass Armut gerade in der reichen Schweiz oft als individuelles Versagen angesehen werde und darum mit Scham behaftet sei.Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen sind von den

wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise besonders stark betroffen. Über fünf Prozent der Angestellten in der Schweiz arbeiteten 2019 auf Abruf – das entspricht 195’000 Personen. Im Zuge der Corona-Krise hätten viele von ihnen weniger oder gar keine Arbeitseinsätze mehr. Neben den finanziellen Schwierigkeiten belaste auch die stete Unsicherheit, ob und wie viele Einsatzmöglichkeiten sie erhielten, so die Caritas.

Frauen und Teilzeit die grössten Verlierer

Zahlreiche Erwerbstätige hätten zudem mehrere Jobs, um über die Runden zu kommen. 2019 waren es demnach 372’000 Personen, wobei Frauen mit 10,7 Prozent deutlich stärker betroffen seien als Männer mit 6,1 Prozent.

Frauen sowie Personen im Niedriglohnsektor und mit Teilzeit-Jobs seien die grössten Verliererinnen der Corona-Krise, betont das Hilfswerk: Ihre Stellen sind am schnellsten gestrichen oder auf Kurzarbeit gesetzt worden – mit der Folge, dass ihr Einkommen aufgrund der Lohneinbusse von 20 Prozent nicht mehr zum Leben reicht. Während das System der sozialen Absicherung in der Schweiz grösstenteils gut funktioniert, zeigen sich gerade bei den Menschen mit tiefem Einkommen Lücken.

Prekär: Sans-Papiers

In besonders prekären Situationen befinden sich laut Caritas Menschen mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus, zum Beispiel einer B-Bewilligung. Sie arbeiten häufig im Niedriglohnsektor und drohen aufgrund der Corona-Krise ihre Stelle zu verlieren. Trotzdem nähmen sie Sozialhilfe auch in Notsituationen häufig nicht in Anspruch, da sie negative Auswirkungen auf ihre Aufenthaltsbewilligung fürchteten.
Sans-Papiers trifft die Corona-Krise besonders stark. Sie arbeiten in Branchen wie der Gastronomie oder in Privathaushalten und haben ihre Stelle im Frühling daher überdurchschnittlich häufig und rasch verloren. Da ihnen der Zugang zu staatlicher Unterstützung verwehrt bleibe, seien sie auf die Unterstützung von privaten Organisationen angewiesen.

Die langen Warteschlangen für Lebensmittelverteilungen in Genf oder Zürich hätten der Armut in der Schweiz ein Gesicht gegeben, so die Caritas. Es zeige sich, dass viele Menschen in der Schweiz keine Möglichkeit hätten, etwas anzusparen und dass sie sofort in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, wenn ihr Einkommen sinke oder ganz wegfalle. Scheidung, fehlende Bildung, eine mangelhafte Vereinbarung von Beruf und ein unsicherer Migrationsstatus seien besondere Risikofaktoren, um in Armut zu geraten. Soziale Integration dürfe keine Frage des Geldes sein.

Unvollständiges Armutsmonitoring

Die eidgenössischen Räte haben den Bundesrat im Juni 2020 beauftragt, ein regelmässiges Monitoring der Armutssituation in der Schweiz einzurichten. Bund, Kantone und Gemeinden sollen dadurch wichtige Erkenntnisse Prävention und Bekämpfung von Armut erhalten.

Bisherige Analysen und Darstellungen in den Kantonen bilden Armut jedoch unvollständig und völlig unterschiedlich ab, so die Caritas. Nur gerade 12 Kantone haben in den vergangenen zehn Jahren einen Armutsbericht erstellt. Die Qualität der Berichte variiert jedoch stark, betont das Hilfswerk. Die verwendeten Indikatoren beruhten auf unterschiedlichen Definitionen und stützten sich auf unterschiedliche Daten ab. Deshalb seien die Analysen zwischen den Kantonen nicht oder nur sehr beschränkt vergleichbar.

Diese Vergleichbarkeit scheint aber grundlegend, wenn ein gesamtschweizerisches Bild der Armutssituation entstehen soll. Dafür, so die Caritas, braucht es kantonale Armutsmonitorings, die auf denselben Indikatoren aufbauen und vergleichbar sind.Gemeinsam mit der Berner Fachhochschule hat die Caritas nun ein Modell eines Armutsmonitorings entwickelt, mit dem die Kantone ihre Armutssituation und -entwicklung regelmässig auf einer vergleichbaren Grundlage beobachten können.

Armut schränkt Handlungsmöglichkeiten ein

Armut zeichnet sich nicht nur durch einen Mangel an finanziellen Ressourcen aus, heisst es im Positionspapier zum Monitoringmodell: Armutsbetroffene Menschen haben generell eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten und sind mit Hürden in verschiedenen Lebensbereichen wie Bildung, Arbeitssituation, Wohnen oder Gesundheit konfrontiert.

Gleichzeitig sei das Einkommen eine zentrale Ressource. Es ermögliche Alltagsgüter, gesellschaftliche Teilhabe, den Zugang zu Bildung und auch zum Arbeitsmarkt. Da viele Massnahmen zur Bekämpfung von Armut über eine finanzielle Unterstützung erfolgten, seien mit dem Fokus auf das Einkommen auch Rückschlüsse auf politische Massnahmen und deren Wirkung möglich.

Für die Armutsmessung setzt das von Caritas und der Berner Fachhochschule vorgeschlagene Modell auf national und international etablierte Konzepte und Indikatoren, die auch das Bundesamt für Statistik verwendet. Dazu zählen zunächst die absolute Armut und die Armutsgefährdung. In der begleitenden Studie wird dazu auch nach Haushaltstyp, Nationalität und Bildung unterschieden, um Risikogruppen zu identifizieren.

Ein Monitoring verschiedener Kennzahlen

Ergänzt werden die Konzepte mit weiteren Kennzahlen. Neben der Einkommensarmut soll zusätzlich die Rolle von finanziellen Reserven beleuchtet werden. Indem die Einkommen der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung im Vergleich zur mittleren und reichsten Einkommensschicht) und die regionalen Unterschiede untersucht werden, wird das Augenmerk auch stärker auf die Ungleichheit gerichtet, so das Positionspapier. Schliesslich wird mit der Nichtbezugsquote von Sozialhilfe ausgewiesen, wie viele Personen keine Sozialhilfe beziehen, obwohl sie ein Recht darauf hätten.

Anhand dieser Indikatoren, so die Caritas, kann ein breit abgestütztes Bild zur Armutssituation in den Kantonen erstellt werden. Sie können von allen Kantonen regelmässig auf einheitliche Art berechnet werden. Dadurch seien die Resultate vergleichbar.

Die kantonalen Armutszahlen seien eine ideale Ergänzung zu den schweizweiten Armutszahlen, die das Bundesamt für Statistik jährlich publiziert. Erst durch die Zusammenführung der Analysen auf Bundes- und Kantonsebene entstehe endlich die dringend notwendige Übersicht über die Armutssituation im ganzen Land. Auf dieser Basis könne eine koordinierte Armutsstrategie für die Schweiz definiert werden.

 

 

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